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VOLL GUT DRAUF · BLOG · ADHS · Autismus · Neurodivergenz

Neurodivergenz

Birgit Lubos · veröffentlicht am 21.02.2026

Headerillustration zum Blogbeitrag Neurodivergenz: ein Kind vor verschiedenen Wegen und Möglichkeiten

„Dein Kind ist halt neurodivergent.“

Ein Satz, den ich in letzter Zeit immer häufiger höre. Und jedes Mal halte ich innerlich kurz inne.

Meine Frage dahinter

Ist das ein moderner, wertschätzender Begriff für Vielfalt? Oder nehmen wir uns damit die Chance, wirklich hinzuschauen?

Woher kommt der Begriff Neurodivergenz?

Der Begriff „Neurodivergenz“ entstand in den 1990er-Jahren im Umfeld der Autismusbewegung. Die australische Soziologin Judy Singer prägte ihn im Rahmen der sogenannten Neurodiversitätsbewegung.

Die Grundidee: Gehirne funktionieren unterschiedlich. Und das ist nicht automatisch eine Krankheit, sondern eine Variante menschlicher Vielfalt.

Weg vomDefizit
Weg vomStempel
Hin zuAkzeptanz

Unter Neurodivergenz werden unter anderem folgende Bereiche gefasst:

Spannungsfeld: In Begriffserklärungen zur Neurodivergenz wird häufig betont, dass es um Vielfalt und unterschiedliche Ausprägungen geht. Gleichzeitig finden sich einige der genannten Bereiche in diagnostischen Klassifikationssystemen wieder.

Für mich entsteht hier ein Widerspruch

Wenn es sich „nur“ um Vielfalt und Anzeichen handelt, warum finden wir diese Anzeichen teils im ICD-10 als Diagnosen? Der ICD-10 ist die 10. Revision der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme und dient der systematischen Einordnung medizinischer Diagnosen.

F90Hyperkinetische Störungen
F95Ticstörungen
F84Tiefgreifende EntwicklungsstörungenAutismus-Spektrum

Noch widersprüchlicher wird es für mich, wenn solche Auffälligkeiten mit Psychostimulanzien behandelt werden – also Medikamenten, die das zentrale Nervensystem stimulieren.

Psychostimulanzien sind
  • BtM-pflichtig
  • verschreibungspflichtig
  • streng reguliert
Meine kritische Frage

Wann wird Akzeptanz zur Ausrede?

Wenn „Das ist eben so“ – es einfach macht

Wenn wir sagen:

„Das ist halt neurodivergent. Das ist eben so.“

dann laufen wir Gefahr, etwas ganz Entscheidendes zu übersehen:

Warum werden es immer mehr Kinder?
Warum nehmen Konzentrationsstörungen, emotionale Instabilität, soziale Unsicherheiten und Lernprobleme so massiv zu?
Sind wirklich plötzlich so viele Gehirne einfach „anders“?
Oder reagieren Kinder auf Bedingungen, die nicht mehr kindgerecht sind?

Wenn wir alles unter „Diversität“ verbuchen, nehmen wir uns die Chance, Ursachen zu erforschen – und damit die Chance, unseren Kindern wirklich zu helfen.

Die andere Seite: Wenn Diagnosen zur Entlastung werden

Gleichzeitig erlebe ich in meiner Praxis auch das Gegenteil.

Schnelle DiagnosenKlare EtikettenStillstand

Eine Diagnose kann entlastend sein. Sie kann Orientierung geben. Sie kann Zugang zu Unterstützung eröffnen.

Aber sie kann auch – ganz unbewusst – zur Entschuldigung werden:

„Er hat ADHS, deshalb kann er sich nicht konzentrieren.“
„Sie ist im Autismus-Spektrum, deshalb schafft sie das Klassenziel nicht.“
„Er ist eben so.“

Zur Entlastung ruht sich dann manchmal das Kind und oft genug auch das Umfeld auf der Diagnose aus. Ich sage das nicht vorwurfsvoll. Ich sage es, weil ich es immer wieder beobachte.

Eine Diagnose darf erklären – aber sie darf Entwicklung nicht stoppen.
Sie darf Verständnis schaffen – aber sie darf Verantwortung nicht ersetzen.

Der Mittelweg: weder alles normalisieren noch alles pathologisieren

Wir brauchen einen gesunden Mittelweg.

Nicht

„Alles ist neurodivers, also müssen wir nichts verändern.“

Und auch nicht

„Alles braucht sofort eine Diagnose.“

Sondern
Genau hinschauen. Ursachen erforschen. Rahmenbedingungen überprüfen. Ressourcen stärken. Gezielt unterstützen. Mit der Herausforderung wachsen.
Zwei Kinder an einer Schaukel unter einem Baum; ein Kind schaukelt, das andere schubst es an

Ein Kind ist mehr als eine Diagnose –
und es ist mehr als ein Trendbegriff.

Der Blick in die Tiefe: Was beeinflusst das kindliche Nervensystem noch?

In meiner Praxis sehe ich immer wieder, dass Auffälligkeiten keine Zufälle sind. Aus meinem ganzheitlichen Blick sollten verschiedene Ebenen mitgedacht werden.

01

Ernährung & Mikronährstoffe

Gerade das kindliche und pubertierende Gehirn benötigt zahlreiche essentielle Botenstoffe, um Neurotransmitter stabil bilden zu können. Gleichzeitig nimmt der Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel, Zucker und Zusatzstoffe zu.

02

Dauerbeschallung & Reizüberflutung

Kopfhörer im Ohr, Handy vor dem Gesicht, permanent visuelle und akustische Reize. Das kindliche Gehirn braucht auch Langeweile, Bewegung, echte soziale Interaktion und Natur.

03

Umweltbelastungen

Wir leben in einer Zeit ständiger Funkstrahlung, Umweltgifte, Mikroplastik und chemischer Zusatzstoffe. Für mich gehört deshalb auch die Frage dazu, welche Rolle Umweltbedingungen für empfindliche kindliche Systeme spielen können.

Mein Appell an Eltern

Du musst nicht perfekt sein. Du darfst unsicher sein. Du darfst zweifeln.

Schau hin.
Hinterfrage Gewohnheiten.
Übernimm liebevoll Führung.
Triff Entscheidungen zum Wohl Deines Kindes – auch wenn es kurzfristig Widerstand gibt.
Nutze Diagnosen als Orientierung, nicht als Endstation.
Akzeptiere Unterschiede, ohne Entwicklung aufzugeben.

Neurodiversität kann ein hilfreicher Perspektivwechsel sein. Aber sie darf kein Deckmantel werden.

Und eine Diagnose darf ein Wegweiser sein – aber niemals ein Ruhepolster.

Unsere Kinder brauchen mehr als Etiketten

Sie brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.

Liebevoll.Klar.Konsequent.

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