„Dein Kind ist halt neurodivergent.“
Ein Satz, den ich in letzter Zeit immer häufiger höre. Und jedes Mal halte ich innerlich kurz inne.
Ist das ein moderner, wertschätzender Begriff für Vielfalt? Oder nehmen wir uns damit die Chance, wirklich hinzuschauen?
Woher kommt der Begriff Neurodivergenz?
Der Begriff „Neurodivergenz“ entstand in den 1990er-Jahren im Umfeld der Autismusbewegung. Die australische Soziologin Judy Singer prägte ihn im Rahmen der sogenannten Neurodiversitätsbewegung.
Die Grundidee: Gehirne funktionieren unterschiedlich. Und das ist nicht automatisch eine Krankheit, sondern eine Variante menschlicher Vielfalt.
Unter Neurodivergenz werden unter anderem folgende Bereiche gefasst:
- Autismus-Spektrum-Störungen
- ADHS
- Tic-Störungen
- Lernbesonderheiten
- Hochsensibilität
Für mich entsteht hier ein Widerspruch
Wenn es sich „nur“ um Vielfalt und Anzeichen handelt, warum finden wir diese Anzeichen teils im ICD-10 als Diagnosen? Der ICD-10 ist die 10. Revision der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme und dient der systematischen Einordnung medizinischer Diagnosen.
Noch widersprüchlicher wird es für mich, wenn solche Auffälligkeiten mit Psychostimulanzien behandelt werden – also Medikamenten, die das zentrale Nervensystem stimulieren.
- BtM-pflichtig
- verschreibungspflichtig
- streng reguliert
Wann wird Akzeptanz zur Ausrede?
Wenn „Das ist eben so“ – es einfach macht
Wenn wir sagen:
„Das ist halt neurodivergent. Das ist eben so.“
dann laufen wir Gefahr, etwas ganz Entscheidendes zu übersehen:
Wenn wir alles unter „Diversität“ verbuchen, nehmen wir uns die Chance, Ursachen zu erforschen – und damit die Chance, unseren Kindern wirklich zu helfen.
Die andere Seite: Wenn Diagnosen zur Entlastung werden
Gleichzeitig erlebe ich in meiner Praxis auch das Gegenteil.
Eine Diagnose kann entlastend sein. Sie kann Orientierung geben. Sie kann Zugang zu Unterstützung eröffnen.
Aber sie kann auch – ganz unbewusst – zur Entschuldigung werden:
Zur Entlastung ruht sich dann manchmal das Kind und oft genug auch das Umfeld auf der Diagnose aus. Ich sage das nicht vorwurfsvoll. Ich sage es, weil ich es immer wieder beobachte.
Eine Diagnose darf erklären – aber sie darf Entwicklung nicht stoppen.
Sie darf Verständnis schaffen – aber sie darf Verantwortung nicht ersetzen.
Der Mittelweg: weder alles normalisieren noch alles pathologisieren
Wir brauchen einen gesunden Mittelweg.
„Alles ist neurodivers, also müssen wir nichts verändern.“
„Alles braucht sofort eine Diagnose.“
Ein Kind ist mehr als eine Diagnose –
und es ist mehr als ein Trendbegriff.
Der Blick in die Tiefe: Was beeinflusst das kindliche Nervensystem noch?
In meiner Praxis sehe ich immer wieder, dass Auffälligkeiten keine Zufälle sind. Aus meinem ganzheitlichen Blick sollten verschiedene Ebenen mitgedacht werden.
Ernährung & Mikronährstoffe
Gerade das kindliche und pubertierende Gehirn benötigt zahlreiche essentielle Botenstoffe, um Neurotransmitter stabil bilden zu können. Gleichzeitig nimmt der Konsum stark verarbeiteter Lebensmittel, Zucker und Zusatzstoffe zu.
Dauerbeschallung & Reizüberflutung
Kopfhörer im Ohr, Handy vor dem Gesicht, permanent visuelle und akustische Reize. Das kindliche Gehirn braucht auch Langeweile, Bewegung, echte soziale Interaktion und Natur.
Umweltbelastungen
Wir leben in einer Zeit ständiger Funkstrahlung, Umweltgifte, Mikroplastik und chemischer Zusatzstoffe. Für mich gehört deshalb auch die Frage dazu, welche Rolle Umweltbedingungen für empfindliche kindliche Systeme spielen können.
Mein Appell an Eltern
Du musst nicht perfekt sein. Du darfst unsicher sein. Du darfst zweifeln.
Neurodiversität kann ein hilfreicher Perspektivwechsel sein. Aber sie darf kein Deckmantel werden.
Und eine Diagnose darf ein Wegweiser sein – aber niemals ein Ruhepolster.
Unsere Kinder brauchen mehr als Etiketten
Sie brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.
Liebevoll.Klar.Konsequent.