„Dein Kind ist halt neurodivergent.“
Ein Satz, den ich in letzter Zeit immer häufiger höre.
Und jedes Mal halte ich innerlich kurz inne.
Ist das ein moderner, wertschätzender Begriff für Vielfalt?
Oder nehmen wir uns damit die Chance, wirklich hinzuschauen?
Woher kommt der Begriff Neurodivergenz?
Der Begriff „Neurodivergenz“ entstand in den 1990er-Jahren im Umfeld der Autismusbewegung. Die australische Soziologin Judy Singer prägte ihn im Rahmen der sogenannten Neurodiversitätsbewegung.
Die Grundidee:
Gehirne funktionieren unterschiedlich. Und das ist nicht automatisch eine Krankheit, sondern eine Variante menschlicher Vielfalt.
Der Ansatz dahinter ist zunächst wertvoll:
Weg vom Defizit | Weg vom Stempel | Hin zu Akzeptanz.
Unter Neurodivergenz zählen unteranderem:
- Autismus-Spektrum-Störungen
- ADHS
- Tic-Störungen
- Lernbesonderheiten
- Hochsensibilität
Laut Begriffserklärung der Neurodivergenz wird expliziet darauf hingewiesen: Es sind keine Diagnosen, sondern Anzeichen, die wertvolle Hinweise liefern.
Für mich entsteht hier ein großer Wiederspruch
Wenn es sich „nur“ um Vielfalt und Anzeichen handelt, warum finden wir diese Anzeichen teils im ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten – 10. Revision) als Diagnosen:
- F90 – Hyperkinetische Störungen
- F95 – Ticstörungen
- F84 – Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (Autismus Spektrum)
Noch widersprüchlicher wird es, wenn diese „Anzeichen“ mit Psychostimulanzien (ZNS-Stimulanzien) behandelt werden. Also Medikamente, die das zentrale Nervensystem stimulieren.
Diese sind:
- BtM-pflichtig (Betäubungsmittelgesetz)
- verschreibungspflichtig
- streng reguliert
Meine kritische Frage: Wann wird Akzeptanz zur Ausrede?
Wenn wir sagen:
„Das ist halt neurodivergent. Das ist eben so.“
Dann laufen wir Gefahr, etwas ganz Entscheidendes zu übersehen:
- Warum werden es immer mehr Kinder?
- Warum nehmen Konzentrationsstörungen, emotionale Instabilität, soziale Unsicherheiten und Lernprobleme so massiv zu?
- Sind wirklich plötzlich so viele Gehirne einfach „anders“?
- Oder reagieren Kinder auf Bedingungen, die nicht mehr kindgerecht sind?
Wenn wir alles unter „Diversität“ verbuchen, nehmen wir uns die Chance, Ursachen zu erforschen – und damit die Chance, unseren Kindern wirklich zu helfen.
Die andere Seite: Wenn Diagnosen zur Entlastung werden
Gleichzeitig erlebe ich in meiner Praxis auch das Gegenteil.
Schnelle Diagnosen –> Klare Etiketten –> und dann – Stillstand.
- Eine Diagnose kann entlastend sein
- Sie kann Orientierung geben
- Sie kann Zugang zu Unterstützung eröffnen.
Aber sie kann auch – ganz unbewusst – zur Entschuldigung werden:
- „Er hat ADHS, deshalb kann er sich nicht konzentrieren.“
- „Sie ist im Autismus-Spektrum, deshalb schafft sie das Klassenziel nicht.“
- „Er ist eben so.“
Zur Entlastung ruht sich dann oft das Kind und oft genug auch Eltern und Lehrer auf der Diagnose aus.
Ich sage das nicht vorwurfsvoll. Ich sage es, weil ich es immer wieder beobachte.
Eine Diagnose darf erklären – aber sie darf nicht Entwicklung stoppen.
Sie darf Verständnis schaffen – aber sie darf Verantwortung nicht ersetzen.
Der Mittelweg: Weder alles normalisieren noch alles pathologisieren
Wir brauchen einen gesunden Mittelweg.
Nicht:
„Alles ist neurodivers, also müssen wir nichts verändern.“
Und auch nicht:
„Alles braucht sofort eine Diagnose.“
Sondern:
- Genau hinschauen.
- Ursachen erforschen.
- Rahmenbedingungen überprüfen.
- Ressourcen stärken.
- Und dort gezielt unterstützen, wo echte Beeinträchtigungen bestehen.
Ein Kind ist mehr als eine Diagnose – und es ist mehr als ein Trendbegriff.
Der Blick in die Tiefe: Was beeinflusst das kindliche Nervensystem?
In meiner Praxis sehe ich immer wieder, dass Auffälligkeiten keine Zufälle sind.
Ein paar Beispiele aus meinem ganzheitlichen Blick, was auch Berücksichtigung finden sollte:
Ernährung und Mikronährstoffmängel
Gerade das kindliche und pupertierende Gehirn benötigt zahlreiche essentielle Botenstoffe um Neurotransmitter stabil bilden zu können. Leider sind diese durch unsere ausgelaugten Böden oder langen Transportwegen in unseren Nahrungsmitteln nicht mehr ausreichend vorhanden. Zusätzlich nimmt der Konsum ungesunder, stark verarbeiteter und minderwertig hergestellter Nahrunsmittel (Fast-Food) und der Konsum von Zucker- und Zusatzstoffen deutlich zu.
Dauerbeschallung & Reizüberflutung
Kopfhörer im Ohr.
Handy vor dem Gesicht.
Permanent visuelle und akustische Reize.
Das kindliche Gehirn braucht:
- Langeweile
- Bewegung
- echte soziale Interaktion
- Natur
Wenn Wahrnehmungskanäle dauerhaft blockiert sind, entstehen Konzentrationsprobleme fast zwangsläufig.
Elektrosmog & Umweltbelastungen
Wir leben in einer Zeit ständiger Funkstrahlung, Umweltgifte, Mikroplastik und chemischer Zusatzstoffe.
Das kindliche Nervensystem ist hochsensibel.
Und wir dürfen uns zumindest die Frage stellen:
Welche Rolle spielt das?
Mein Apell an Eltern
Du musst nicht perfekt sein.
Du darfst unsicher sein.
Du darfst zweifeln.
Aber bitte – schau hin.
- Hinterfrage Gewohnheiten.
- Übernimm liebevoll Führung.
- Triff Entscheidungen zum Wohl Deines Kindes – auch wenn es kurzfristig Widerstand gibt.
- Nutze Diagnosen als Orientierung, nicht als Endstation.
- Und akzeptiere Unterschiede, ohne Entwicklung aufzugeben.
Neurodiversität kann ein hilfreicher Perspektivwechsel sein.
Aber sie darf kein Deckmantel werden.
Und eine Diagnose darf ein Wegweiser sein – aber niemals ein Ruhepolster.
Unsere Kinder brauchen keine Etiketten.
Sie brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.
Liebevoll | Klar | Konsequent.

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